„Sie weiß, dass der Park geräumt ist. Dass ihr Zelt nicht mehr steht. Aber es ist die Hoffnung, dass es nicht umsonst war. (…) Weißt du, wir anderen, die wir gar nicht oder nur leicht verletzt wurden, gehen nach Hause, nehmen die Tage im Park als eine Erfahrung mit, versuchen vielleicht, weiter im Geist von Gezi zu leben. Das findet sich schon. Und wir sind weiter aktiv. Natürlich sagen wir, Gezi ist ein Wendepunkt, nichts wird je wieder sein wie zuvor…“, sagt Leas Busbekanntschaft Özlem in Lichtblau#mavi, als die Proteste niedergeschlagen sind. (1)
Die Gezi-Proteste sind jetzt 10 Jahre her, für die Hälfte der Bevölkerung im Land mag sich wenig geändert haben, offenbar wollten und wollen viele keine Veränderung, wie das Ergebnis der aktuellen Wahlen gerade wieder gezeigt hat. Für die anderen aber, die damals für den Wandel im Park und auf der Straße waren, die friedlich und humorvoll protestierten, war Gezi ein Wendepunkt. Auf den Enthusiasmus des Aufbruchs folgte Ernüchterung, Enttäuschung. Der Geist von Gezi aber lebt weiter …
„Ich hatte auf einmal das Gefühl, die Regierung würde nun alles kontrollieren und alles, was ihrer Weltsicht widerspricht, unterdrücken oder zensieren“, sagt etwa der Schauspieler Çağlar Yiğitoğulları, der seit sechs Jahren im „freiwilligen Exil“ lebt und die Gezi-Proteste persönlich als Wendepunkt empfand. (2) Wie er gingen viele ins Exil, einige notgedrungen, andere mehr oder weniger freiwillig, noch mehr aber zogen sich ins innere Exil zurück.
Gescheitert ist Gezi nicht, schon deshalb nicht, weil Gezi zu einer Bewegung wurde, einer Philosophie, einer neuen Ethik des Zusammenlebens, geboren aus der Erfahrung heraus, „wie Zusammenleben ohne Staat funktionieren kann, dass es keiner Organisation von oben bedarf und Unterschiede nicht nivelliert werden müssen, um gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen und respektvoll miteinander umzugehen.“ Gezi war geprägt von Teilhabe aller, jeder brachte sich auf seine Art, nach seinem Vermögen, mit der „eigenen Farbe“, wie es damals häufig hieß, ein, „ohne Vorschriften und Vorgaben, solidarisch und frei.“ (3) Heute fällt mir dazu Ubuntu ein …
Ubuntu? Nein, nicht das Betriebssystem, sondern sein Namensgeber: die afrikanische Philosophie der Verbundenheit, der idealen menschlichen Gemeinschaft, das Wort bedeutet Menschlichkeit, Nächstenliebe, Gemeinsinn. In gegenseitigem Respekt strebt Ubuntu nach einer harmonischen, friedlichen Gesellschaft, in der Teilen alles Menschliche verbindet. Es bietet einen integrativen Gegenentwurf zu den gängigen Ideologien in Ost und West, einen dritten Weg, der „nicht im Elfenbeinturm kluger Denker, sondern an den Graswurzeln einer multikulturellen Gesellschaft“ entstand – genau wie Gezi. „Ubuntu ist die Kraft, man selbst zu sein und andere darin zu bestärken, sie selbst zu sein.“ Einen Herrscher braucht es dafür nicht. „In Zeiten von Kolonialismus und Apartheid war Ubuntu die geheime Philosophie des Widerstands.“ (4) Ist nicht auch Gezi bis heute eine Art „geheime Philosophie des Widerstands“?
Zum zehnten Jahrestag des Beginns der Gezi-Proteste gingen am 31. Mai 2023 in der ganzen Türkei Tausende auf die Straße und in die Parks, wieder griff die Polizei ein, nahm zahlreiche Demonstrierende fest. Gefordert wurden u.a. die Freilassung der vor einem Jahr zu langer Haft Verurteilten im Gezi-Prozess. In Istanbul gab die weiter existierende Plattform Taksim-Solidarität eine kämpferische Presseerklärung mit dem Tenor ab, sich vom Wahlergebnis nicht entmutigen zu lassen, vielmehr gehe „die Forderung nach einem humanen, freien, gerechten, demokratischen Leben in Wohlstand“ weiter, der Slogan von damals sei nach wie vor taufrisch: „Die Finsternis weicht, Gezi bleibt.“ (5)
Der Geist von Gezi meldet sich immer wieder aus der Flasche, in der das Regime ihn unter Verschluss zu halten versucht. Wurde nicht heute, zehn Jahre später, wie auch bereits bei den Kommunalwahlen 2019, der allgemeinen Depression und der großen Unterschiede zum Trotz gemeinschaftlich die Energie aufgebracht, erneut für den Wandel, für „Vernunft, Liebe, Moral und gegen Korruption, Hass, Wahnsinn“ (6) zu kämpfen, der Utopie eine zweite Chance zu geben? Wie viele Menschen den Wunsch nach Wandel teilen, zeigt, dass die erstmalig in diesem Ausmaß einige Opposition auf beinahe die Hälfte der Stimmen kam, obwohl das repressive Regime unter Aufbietung aller ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen sie klein zu halten versucht hatte.
Zwar unterlag „der Wunsch nach Wandel“ vorerst der „Angst vor Veränderung“ (7) und der Geist von Gezi wird weiter in der Flasche festgehalten. Doch ihr kennt das Märchen. Eine/r wird kommen und ihn aus der Flasche befreien, allerdings wird das kein „Aladin“ sein und auch kein „Sultan“, sondern eine Gemeinschaft – mit dem Wunsch nach Freiheit, Pluralismus, Teilhabe, Gleichberechtigung …
PS: Lichtblau#mavi ist kein Gezi-Buch, kein Buch über Gezi, aber Gezi war und ist sein Ausgangspunkt, ohne Gezi hätte es das Buch nicht gegeben.
Quellen:
Titelfoto: © Selen Özer Günday
1) Lichtblau#mavi S. 78
2) Çağlar Yiğitoğulları in: „Die Türkei weit weg und doch so nah“, FAZ 19.05.23.
3) Mein Vorwort „Der Geist ist aus der Flasche“, Literarische Anthologie Gezi, Berlin 2014, S. 7+9.
4) Ich stütze mich auf „Ubuntu (Philosophie)“, Wikipedia, Zugriff 01.06.23, und „Afrikas Ubuntu, die Philosophie der Menschlichkeit“ von Geseko v. Lüpke, Radiomanuskript, radioWissen, Sendung v. 12.10.22. Zitate von Lesbila Teffo und Augustine Shutte.
5) „Karanlık gider, Gezi kalır“, Bianet 01.06.23
6) Karen Krüger, „Umut heißt Hoffnung“, FAZ 15.05.23.
7) Can Dündar, „Demokratie in Agonie“, Zeit 16.05.23.


4 Antworten zu “10 Jahre – Der Geist von Gezi lebt”
Ob Gezi-Buch oder nicht, der Roman hätte damals wirklich noch mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt.
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Vielen Dank, auch für die Rezension damals. Für Aufmerksamkeit ist es ja nie zu spät. Ich bleibe am Ball :))
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Freut mich, dass die Rezension gelesen wurde 🙂
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[…] es im deutschsprachigen Raum einen Roman über die Gezi-Proteste in Istanbul, einen, der so hineinkriecht in die gesellschaftlichen Verästelungen der […]
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