Kintsugi – den Makel veredeln

„Leben wird erst Leben, wenn es gelebt wird“, murmelte Lea, während sie den mit Goldstaub versetzten Urushi-Lack auf den fein geklebten Haarriss strich. Schön war die sandfarbene Tasse mit der dünengrasgrünen Glasur geworden. Als sie sanft über die goldene Ader fuhr, spürte sie wieder das Kükenherz in ihren Händen pochen. Was hatte Aiko gesagt? „Wir kaschieren Brüche nicht, im Gegenteil, wir heben sie hervor, gerade dadurch wird das Werkstück ein Unikat und einzigartig schön.“ (Zitat aus Lichtblau#mavi)

Es war noch Zeit bis zu meiner Verabredung in Berlin, also stöberte ich in einem Teegeschäft in den Heckmann-Höfen. Und blieb bei kleinen Schalen mit unregelmäßigen goldenen Verzierungen hängen. Nein, widersprach die Verkäuferin, Verzierungen seien das nicht, sondern feine Reparaturlinien: Kintsugi. Ich war fasziniert und beschloss spontan: Das nehme ich in meinen Roman in progress auf!

Was ist Kintsugi? Bei der japanischen Reparaturmethode, wörtlich Goldverbindung, werden beschädigtes Keramik und Porzellan mit Urushi-Lack und -Kittmasse geklebt und geflickt, wie Lea es in Lichtblau#mavi lernt. Das in die Flickmasse eingestreute Pudergold, auch Edelmetalle wie Silber oder Platin kommen zum Einsatz, erzielt den gewünschten Deko- und Veredelungseffekt.

Als „Goldverbindung, die den Makel hervorhebt“ entwickelte Kintsugi sich im 16. Jahrhundert im Rahmen der Wabi Sabi-Philosophie, die als ästhetisches Prinzip auf Einfachheit und Wertschätzung bzw. Schönheit auch des Unvollkommenen setzt und Einfluss auf etliche Bereiche von Kunst und Kultur nimmt.

Diese Kultur akzeptiert Vergänglichkeit und Flüchtigkeit nicht bloß, sondern schätzt sie wert und bezieht sie in Kunst und Kunsthandwerk mit ein. In Japan nahm man bei der Produktion traditionell den späteren Abnutzungsprozess sozusagen vorweg, neue Artikel wurden gewissermaßen vorauseilend mit Gebrauchsspuren hergestellt. Und wie so oft bei fernöstlichen, insbesondere japanischen Prinzipien rankt sich um jedes eine in etliche Bereiche hineingreifende Philosophie, ein Ethos mit physischen, psychischen und spirituellen Aspekten. Kintsugi als die Kunst, Zerbrochenes, Beschädigtes durch sichtbare Reparatur zu veredeln, bietet sich als Metapher für Wunden, Schrunden, Brüche, Risse im Leben geradezu an: annehmen, was zerbrochen; sich der Wunden nicht schämen, vielmehr die Bruchstellen in einen Vorteil verwandeln, sie integrieren, „veredeln“, und dadurch das Leben bereichern. Das kann auf vielfältige Weise geschehen.

Es gibt allerdings auch Kritik an dieser „esoterischen“ Erweiterung von Kintsugi: „Traditionell ging es immer darum, das Stück zu reparieren und aufzuwerten“, die Übertragung auf die Psyche aber sei ein rein westliches philosophisches Konzept.“ (Stefan Drescher) Dennoch war für mich gerade die metaphorische Ebene interessant: In Lichtblau#mavi gelingt es Lea, durch die Beschäftigung in der Keramikwerkstatt bei ihrer lebensklugen Kintsugi-Meisterin Aiko, die emotionale Wüste zu überwinden, in der sie sich seit der Trennung vom Vater befand.

Die sandfarbene Tasse mit der dünengrasgrünen Glasur im Buch gibt es wirklich. Sie stammt aus der Hafentöpferei Niendorf in der Lübecker Bucht. Die Idee zur unregelmäßigen Halbglasur hatte Tochter Johanna Ohrtmann, die den Betrieb gemeinsam mit ihrem Vater Ulrich Elberding führt. Das Design kam so gut an, dass eine ganze Produktlinie entstand. Besucht sie, wenn ihr in Niendorf vorbeikommt!

Quellen zu Kintsugi:

Hinterlasse einen Kommentar