heute, 21:00h, 5 min stehenbleiben, egal wo ihr seid, unterstützt den protest in der türkei! #duranadam #direngeziparkı (1) – liest Marie auf Twitter, recherchiert den Hashtag #duranadam und ist fasziniert …
Am 17. Juni 2013, kurz nach der Räumung des Gezi-Parks, blieb ein Mann auf dem Taksim-Platz stehen, die Hände in den Hosentaschen, den Rucksack lässig vor sich abgestellt, den Blick auf das Atatürk-Kulturzentrum gerichtet. Acht Stunden stand er da. Schweigend. Noch am selben Abend stellten sich Menschen zu ihm, immer mehr. Die Aktion breitete sich aus. Im ganzen Land blieben Menschen stehen, an Ecken, vor Häusern, auf Straßen und Plätzen, vor allem aber vor Amtsgebäuden, Denkmälern, Polizeiwachen, Parteibüros. Stehen war ja nicht verboten. Oder doch? Es kam zu Festnahmen. Wegen unbefugten Stehens auf einem Platz und Erregung öffentlichen Ärgernisses. „Stehen erregt Aufsehen. Ist ein Ärgernis.“ (1)
Und der Standing Man bekam ein Gesicht: Erdem Gündüz. Ein Tänzer, Choreograph, Performance-Künstler, der wenig geneigt war, sich verbal zu seiner Aktion zu äußern, er sei kein Mann der Worte: „Mein Körper ist meine Stimme.“ (2) Er sei über den Platz geschlendert und habe nicht anders gekonnt, als einfach stehenzubleiben. Eine spontane Aktion, die Idee dazu kam ihm erst auf dem Platz. Inspiriert habe ihn der Tiananmen-Mann, der sich 1989 allein vor die Panzer in Beijing stellte. „Es ging mir wie immer um Mehrdeutigkeit. Eindeutigkeit finde ich uninteressant“, sagt Gündüz. (2)
In Lichtblau#mavi findet Marie einen Blogpost von einer Studentin zum Thema, darin heißt es u.a.:
Stehen heißt: Raum nehmen. Sich das Recht auf Raum erstehen. Wo ich stehe, gehöre ich hin. Der Platz, auf dem ich stehe, gehört mir, und sei es für die Dauer des Stehaktes. Ich erhebe Anspruch auf diesen Raum. Ich besetze den Raum. Besetzter Raum lässt Atmosphäre entstehen. Und hier: Es entsteht etwas, wo einer steht und andere sich zu ihm stellen. Zu ihm stehen. Einer steht für alle da, alles tehen für einen ein.
Lichtblau#mavi S. 42
Stehen als Aktion faszinierte mich (genau wie meine Protagonistin Marie), gerade, weil es scheinbar so einfach ist. Weil es DER Widerstand schlechthin ist, wie das deutsche Wort buchstäblich impliziert: widerSTEHEN, WiderSTAND. Es gibt in der deutschen Sprache so viele Redewendungen mit „stehen“, von Stehvermögen bis Gegenüberstellung, im Zusammenhang mit Gündüz’ Aktion sammelte ich ein paar Gedanken dazu. „Stehen ist Handeln. Es braucht einen Willen, um zu stehen, zumal aufrecht zu stehen und stehenzubleiben, wenn es mit Nachruck heißt: geh! Stehen heißt: nicht weichen. Mit der Haltung seines Körpers beweisen, ich bin hier, hier stehe ich, hier bleibe ich …“
Im Herbst 2013 erhielt Gündüz für seine Aktion den M100 Media Award. Er sei „zur Ikone des friedlichen Widerstands“ geworden (Beirats-Begründung), seine Waffe heiße Kreativität, seine Markenzeichen seien Mut und Ausdauer, er habe dem „Fetisch der Massen (…) die Verantwortung und die Möglichkeiten des Individuums entgegen“gehalten (Deniz Yücel, taz). Weitere Auszeichnungen im Ausland folgten. (3)
In einem Interview erwähnte Gündüz die Gene-Sharp-Liste friedlicher Protestformen, von der er erst nach seiner Performance erfuhr. Unter den aufgeführten 198 Formen gewaltfreier Aktion findet sich auch „Stand-in“ (Punkt 163), parallel zum bekannteren „Sit-in“. Dass es sich bei friedlichem Protest nicht bloß um pazifistische Spielerei handelt, ist spätestens seit Gandhi bewiesen.
Für mich gehört Erdem Gündüz als duranadam zu Gezi wie die Frau mit dem roten Kleid vor dem Wasserwerfer und die Pinguine, die zum Symbol wurden, weil in der ersten heißen Phase im Fernsehen nicht über den Aufstand berichtet wurde, sondern eine Doku über Pinguine lief.
Der Standing Man ist inzwischen übrigens in mindestens zwei Skulpturen verewigt: einer kleinen Skulptur des Mersiner Holzbildhauers Hasan Canel und einer Statue im Izmirer Stadtteil Bornova, die im Gegensatz zu ihrem lebendigen Vorbild ein Buch in der Hand hält: Atatürks Rede an die Jugend …
- Quellen:
- 1) Lichtblau#mavi S. 43
- 2) Gündüz-Interview von Frank Nordhausen, „Mein Körper ist meine Stimme“, Frankfurter Rundschau 09.09.2013. – Lesenswertes Interview, das den Menschen hinter der Aktion lebendig macht und auf weitere Performances von ihm verweist.
- 3) „Erdem Gündüz“, Wikipedia (Zugriff 31.05.23)
- Foto vom Twitter-Account @gggokceee (17.06.2013)


2 Antworten zu “#duranadam – (wider)STEHEN”
Sehr interessante Gedanken. Vielen Dank für die Denk-Einladung.
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Danke für dein Interesse und fürs Mitdenken-Wollen, liebe Nina, wie schön von dir zu hören! Liebe Grüße
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