Hier und da entdeckte Lea frisch restaurierte Häuser mit hübschen Erkern in den Obergeschossen, an der nächsten Ecke wurde ein Spielplatz a
ngelegt, gerade setzten Arbeiter junge Bäume, hier war auch der Gehsteig verbreitert. Erneuerungsplan Yeldeğirmeni, las sie über einem Plan an einer Mauer. Straßenzüge mit farblich markierten Häusern und Restaurationsprojekten. Im Nu stand Lea das Hässliche-Entlein-Stadtviertel als strahlender Schwan vor Augen. »Stadtentwicklung transparent, tolle Idee!«, schwärmte sie und zückte das Handy, um zu fotografieren, doch der Akku war leer … (Zitat aus Lichtblau#mavi)
Es ging mir wie Lea, als ich nach gut zehn Jahren Pause 2011 wieder nach Kadıköy kam. Ich erkannte das einst vernachlässigte Viertel hinter Hafen und Bahnhof Haydarpaşa kaum wieder. Einst Schmuddelecke zeigte sich der Stadtteil Rasimpaşa/Yeldeğirmeni nun attraktiv mit Ateliers und Werkstätten, Spielplätzen, wohnlichen Gassen, gemütlichen Cafés ‒ und gigantischen Mauerbildern an etlichen Häusern über mehrere Stockwerke hinweg.
2012 hatte die traditionell liberale Bezirksverwaltung in Kooperation mit einer Stiftung das Mural Istanbul Street Art Festival* ins Leben gerufen und ‒ mit Unterstützung der Bevölkerung ‒ das Quartier in ein Open-Air-Museum großer Werke in- und ausländischer Street-Art-Künstler:innen verwandelt. Ich entdeckte eine Vielzahl imposanter Murals, deren Standorte zum großen Teil auf dem Outdoor-Erneuerungsplan (Foto) markiert waren. Also schickte ich in Lichtblau die Studentin Lea zu Gezi-Zeiten dorthin und kurz darauf auch meine zweite Protagonistin Marie. In eigener Anschauung und in Gesprächen mit Stadtplanern, Architekten, Café-Betreiber:innen und Anwohner:innen entdecken die beiden das moderne Yeldeğirmeni auf dem Weg vom Sanierungsquartier zum gentrifizierten Kiez.
Marie lässt sich und ihre Studierendengruppe von einem Architekten der Designwerkstatt TAK durchs Viertel führen. TAK wie auch das Kunst- und Kulturzentrum Yeldeğirmeni Sanat Evi in der ehemaligen Kirche Notre Dame du Rosaire existieren tatsächlich, alle Personen aber, mit denen ich sie im Roman bevölkert habe, sind fiktiv.
Der Spot
Eine Hauptstraße mit zu viel Verkehr und zu wenig Fußweg, dann Bahngleise, ich quere sie über eine unscheinbare Brücke und betrete scheinbar eine andere Welt. Rechterhand verwitterte Grabsteine aus osmanischer Zeit, links biege ich in die Gasse Ayrılık Çeşmesi Sokağı ein ‒
was für ein Name: Trennungsbrunnen-Gasse! Sie ist gesäumt von einem verwahrlosten Grünstreifen (die Karte nennt ihn Friedhof) und einer langen Reihe ein- bis maximal dreigeschossiger älterer Häuser, Mauer an Mauer, zum Teil aus Holz, viele marode, einzelne schmuck restauriert. Unvermutet eine Lücke: ein verwildertes Grundstück neben einem halb verfallenen Bau (Foto) ringsum Graffiti. Das ist „mein“ Spot, hier verwandeln Marie und ihre Studierenden im Roman die Baubrache mit Murals und allerlei kreativen Ideen in einen interaktiven Hotspot für die Bewohner des Viertels.
Doch Kunst im öffentlichen Raum ist stets dem Wandel eben dieses Raums unterworfen, wird überformt, übermalt, überschrieben, entfernt, das liegt in der Natur der Sache. Insbesondere Mauerbilder sind volatil und verschwinden früher oder später. Eines der Murals hielt die Fotografin Selen Özer-Günday für das Cover meines Romans fest.
In den 2010er Jahren war Yeldeǧirmeni ein alternativ-kreatives Viertel, heute ist es mit steigenden Immobilienpreisen und dem damit einhergehenden Verlust alter Nachbarschaftsstrukturen ein Opfer der Gentrifizierung. Dennoch ist es nach wie vor ein Zentrum der Street-Art-Szene mit einigen alten und immer wieder neuen Murals, zu denen geführte Street-Art-Touren veranstaltet werden. Im August 2026 zeichnet „Brooklyn of“ das Viertel gar als „coolest neighborhood“ von Istanbul aus: DER Geheimtipp, (noch) nicht überlaufen, nette Bars und Cafés, „where the coffee is serious, the bars don’t try too hard, and the guidebooks haven’t caught up“ – was sich spätestens jetzt ändern wird. Aber ob es auch »Alternative Stadtrundgänge – Bürgernahe Quartiersentwicklung in Istanbul« gibt, wie ich sie für Lichtblau erfunden habe? Schreibt es gern in die Kommentare, wenn ihr etwas darüber wisst.![]()
Anmerkungen:
* Das Festival wurde 2018 leider eingestellt, lief noch kurzfristig unter MuralIst weiter, aber nicht mehr in derselben Kontinuität.
** „Hier da dort“ stellt den Stadtteil und die beeindruckende Vielfalt der Murals in einzelnen Porträts vor.
Hinweise:
+ Digitale Karte mit zahlreichen Murals auch in Yeldeǧirmeni mit kurzen Infos zu den Werken und ihren Künstler:innen: streetartcities.com
+ Aktuelle Website mit Murals in Kadıköy/Yeldeǧirmeni (und Video vom Mural Istanbul Festival).
+ Yeldeğirmeni als „fashionable neighbourhood“ mit Cafés, kreativer Klasse, Erasmus-Studierenden und Airbnbisierung = Abstract zum Beitrag „Commercial and cultural gentrification in urban context: the case of Kadıköy in Istanbul“ von Ece Arslan in „Handbook on Tourism Gentrification“ (2025).
+ Informativer Artikel von Luisa Seeling über das alternative Yeldeğirmeni der 2010er Jahre.
+ BrooklynOF bietet aktuelle Fotos, Location-Map und touristische Insidertipps zu Yeldeǧirmeni und Umgebung (englisch) / August 2026.
+ Gazete Kadıköy mit der Nachricht zu Yeldeǧirmeni als Brooklyn of Istanbul auf Türkisch und einer kleinen Galerie von Murals am Ende des Artikels von Gökçe Uygun, 25.08.2026.
> Letzter Zugriff auf alle Links 08.09.2026 / © alle Fotos Sabine Adatepe – außer der Collage unten © Gazete Kadiköy


